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Wie alltagsrelevant ist Gedächtnistraining?

9. Dezember 2011

[can] Hamburg – Da üben und üben Sie.  Stunde um Stunde, Tag für Tag, wochen-  und monatelang entweder logisch richtig Zahlen in Quadrate einzutragen, „Grün“ zu sagen obwohl „Rot“  geschrieben steht, Kreuzworträtsel zu knacken oder sich Listen willkürlich zusammengestellter Dinge zu merken. Vielleicht kaufen Sie sich auch eine trendige Pocket-Spielkonsole mit Gehirnjogging-Programmen und überbrücken Wartezeiten und Langeweile-Perioden zusammen mit  dem kleinen Kasten. Ihre vorstellbaren Ziele bei all diesen Aktivitäten: geistige Fitness für den Alltag, Vorsprung durch Denkschnelligkeit und gesteigerter Merkfähigkeit im Beruf und ganz heimlich vielleicht auch – das Verhindern oder zumindest das Hinauszögern einer Demenzerkrankung.

Die Frage, die sich im Bezug auf alle glücksverheißenden Knobeleien und Gehirn-Jogging Programme stellt, ist: Wenn wir eine bestimmte Gedächtnis-Aufgabe intensiv üben, wachsen unsere kognitiven Leistungen dann auch in anderen Hirnleistungs-Bereichen? Oder anders gefragt: Lassen sich die trainierten Übungen auf den Alltagsgebrauch unseres Gehirns transferieren?  Unterstützt  beispielsweise das Trainieren von Sodoku-Rätseln die Fähigkeit, strukturiert organisatorische Herausforderungen zu bewältigen,  hilft das Auswendiglernen von Wortlisten dabei, sich Termine zu merken oder überwindet man mit Hilfe von Kreuzworträtsellösen Wortfindungsstörungen? In Gesprächen über das Gedächtnistraining  sehe ich mich immer wieder mit der Frage konfrontiert: „Ich löse regelmäßig Kreuzworträtsel und Sudoku. Hält mich das geistig fit?“ Meine Antwort:

„Wer Kreuzworträtsel lösen kann, kann Kreuzworträtsel lösen…“

…mehr nicht.  Gleiches gilt für Sudoku und die diversen computergestützten Gehirnjogging-Programme.  Hier üben die Menschen ganz bestimmte Aufgaben zu lösen. Sicherlich werden sie darin nach und nach besser – aber ausschließlich bei genau dieser einen Aufgabe[1], die selten einen Bezug zu den Anforderungen des Alltags hat.  Anstatt diese Fertigkeiten realitätsfern zu üben, ist vielmehr das Training alltagsrelevanter Fähigkeiten im Umgang mit dem Sparring-Partner „Wirklichkeit“ Gebot der Stunde. Hier setzt das Ganzheitliche Gedächtnistraining an. Neben dem Training der kognitiven Hirnleistungen, wie logisches und assoziatives Denken, Wortfindung und Formulieren, Merkfähigkeit und Denkflexibilität, Fantasie und Kreativität, Konzentration und Wahrnehmung, Strukturieren und Zusammenhänge erkennen bezieht das Ganzheitliche Gedächtnistraining auch motorische Elemente mit ein (Bewegung fördert Durchblutung und damit die Sauer- und Nährstoffstoffversorgung des Gehirns sowie die Neurogenese im Hippocampus und steigert die Konzentrationsfähigkeit), legt großes Gewicht auf ein emotional anregendes und gleichzeitig angstfreies Gruppenklima (keine Kognition ohne Emotion, Stress hemmt, soziale Interaktion ist Gehirntraining „at its best“) und  trainiert im Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung (nur was zuvor entspannt war, kann angespannt werden – Stress kann, wenn er dauerhaft besteht und keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, bis in die Demenz[2] führen).  Im gesamten Training werden stets die Besonderheiten der beiden Gehirnhälften  – der linken und der rechten Hemisphäre – berücksichtigt. Die Vernetzung der beiden Hirnhälften, der Informationsaustausch und die Impulsgeschwindigkeit zwischen den Hemisphären werden intensiv trainiert. Sei es durch die Zusammenstellung unterschiedlichster kognitiven Trainingsziele in einer Übung, über Bewegung, unterschiedliche Gruppen-Settings oder mit Hilfe gezielter An- und Entspannungsübungen.

Ganzheitliches Gedächtnistraining legt den Focus auf das Training von Hirnfunktionen, die auch im Alltag von uns gefordert werden und abrufbar sein sollten [3]. Wichtig beim Training ist stets die Interaktion mit anderen Teilnehmern. So ist gewährleistet, dass die Hirnfunktionen nicht nur „im stillen Kämmerlein“ funktionieren, sondern im sozialen Austausch –  also quasi  in „Echtzeit“ zur Verfügung stehen.


[1] Kraft, Ulrich: “Altern mit Köpfchen”. In: Max Planck Forschung 01/2007, S.43, Berlin 2007.

[2] Bei Stress schüttet die Nebenneirenrinde das Hormon Cortisol aus.  Bei dessen Zersetzung entstehen Freie Radikale (Oxidantien), die die Lipidstruktur der Nevenzellen (hier insbesondere der Myelinschicht der Axome) angreifen. Hält der Angriff durch freie Radikale länger an, können in einem ersten Schritt die Nervenimpulse nur verlangsamt weitergeleitet werden – im fortschreitenden Prozess ist die Weiterleitung von Impulsen schließlich nicht mehr möglich. Die Nervenbahn ist irreversibel geschädigt.

[3] Trainingsziele des Ganzheitlichen Gedächtnistraining: Wortfindung, logisches Denken, assoziatives Denken, Konzentration, Formulierung, Merkfähigkeit, Fantasie und Kreativität, Urteilsfähigkeit, Strukturieren, Denkflexibilität, Wahrnehmung, Zusammenhänge erkennen.

Von → Gehirn PRAXIS

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